„Herzenzsache“

Ein Violinist strandete allein in der Wüste. Dort begegnete er einem Löwen. Der Mann bekam Angst, weil der Löwe schon die Zähne fletschte, aber er hatte eine Idee. Er nahm seine Geige zur Hand, die er immer mit sich führte und fing an zu spielen. Der Löwe, fasziniert von den Tönen, die er hörte, legte sich dem Mann zu Füßen und lauschte. Ein zweiter Löwe kam herbei, aber auch er legte sich hin und lauschte. Dann kam ein dritter Löwe, der fraß den Mann auf. Da sagte der erste Löwe zu dem Zweiten: „Ich hab‘ es Dir doch gesagt. Wenn der Taube kommt, ist es vorbei mit der Musik.“
Liebe Schwestern, liebe Brüder,
dieser Witz gehört zu meinen Favoriten. Man fiebert mit dem Violinisten und denkt schon fast, der gute Mann hat sich gerettet, doch dann kommt die unerwartete Wendung mit einer Poente, über die man nur den Kopf schütteln kann. Taube Löwen? Wer denkt sich bloß so etwas aus? Aber der Witz regt mich zum Nachdenken an. Vielleicht gerade durch seine Absurdität.
Wer taub ist für den Anderen, bzw. für das, was der Andere von sich gibt, frisst ihn buchstäblich auf – um einmal in dem Bild des Witzes zu bleiben. Wer taub ist für den Anderen und nur an sich und die Befriedigung der eigenen Bedürfnisse denkt, dem entgeht die Schönheit des Anderen und auch das, was der Andere braucht. Und das hat nicht nur etwas mit den Ohren zu tun, sondern kommt aus dem Innersten. Am vergangenen Sonntag haben wir die Bitte von König Salomo aus dem Buch der Könige gehört. Gott gewährte dem jungen Salomo einen Wunsch – egal was. Und Salomo wünscht sich etwas sehr besonderes; ein hörendes Herz. Ich mag das Bild des hörenden Herzens sehr. Es steht für mich für die Fähigkeit meinem Gegenüber Verständnis, Respekt und Aufmerksamkeit entgegen zu bringen. Ich glaube, dass es unter anderem diese Attribute sind, die gesellschaftliches Zusammenleben möglich und wertvoll machen. Nicht nur zur Zeit Salomos, sondern auch noch heute. Ob im Großraumbüro, mit Mund-Nasen-Bedeckung in der Kirche und anderen öffentlichen Gebäuden, im Stau, in der Schlange an der Supermarktkasse, im Homeoffice, in Quarantäne, im verregneten Sommerurlaub an der Nordseeküste.
Überall in unserem Leben wünsche ich uns offene Ohren und hörende Herzen, auf das wir weder fressen, noch gefressen werden.
Ihre

Sabrina Kuhlmann

Pastoralreferentin
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