Stolpersteine

In seiner ersten Sitzung machte sich der Arbeitskreis „Jubiläum“ zum 100-jährigen Bestehen der Gemeinde St. Marien Rothebusch auch Gedanken über eine historische Aufarbeitung des kirchlichen Lebens in der Gemeinde.
Bezüglich der Zeit des Nationalsozialismus gab es die Idee, die Dokumentation zusätzlich mit einer Aktion der Erinnerung an eine jüdische Familie zu verknüpfen, die in der Gemeinde wohnte. Ein Gemeindemitglied, Frau Anni Jägers, hatte berichtet, dass die Familie ihrer Klassenkameradin Maria Fruchtzweig Opfer von Drangsalierung und Deportation geworden war. Die Familie wohnte Rothebuschstraße / Ecke Bertholdstraße in dem Haus, das heute einen Friseursalon beherbergt, und hatte dort ein Geschäft. Frau Jägers kannte die Stolpersteine für Familie Jülich in der Stadt und fand es sehr bedauerlich, dass an Familie Fruchtzweig nicht erinnert wurde.

 

Kurz zur Aktion der Stolpersteine
(genaue Informationen finden sich hier: http://www.stolpersteine.eu/):

Der Künstler Gunter Demnig hat diese Aktion ins Leben gerufen, um vor den letzten frei gewählten Wohnstätten der Opfer des Nationalsozialismus in ganz Europa Gedenksteine in Form eines Pflastersteins aus Messing zu verlegen, die den Namen des Opfers nennen und kurz sein Schicksal beschreiben. Auf Rothebusch finden sich schon solche Steine einige Häuser neben dem Ort der Verlegung und an der Ecke Koppenburgstr. / Siepenstr.

 

Mit großer Unterstützung des Teams der Gedenkhalle Oberhausen, der Hilfe des Stadtarchivs Bottrop und mit Informationen aus dem weiteren Kreis der Familie gelang es, das Schicksal der Familie weitgehend zu rekonstruieren, sodass es möglich wurde, für die vier Familienmitglieder und einen weiteren Bewohner des Hauses Steine zu verlegen. Gunter Demnig konnte leider wegen der Pandemie nicht selbst nach Oberhausen kommen und an der Verlegung durfte nur ein kleiner Kreis teilnehmen.
Eine größere Gedenkfeier soll, wenn Zusammenkünfte in Kirchen wieder erlaubt sind, in St. Marien stattfinden.
Die Gemeinde, u.a. die Gemeindejugend, und einzelne Gemeindemitglieder haben die Patenschaften für die Steine übernommen.

 

Mit einer kleinen Verspätung – die Mitarbeiter der WBO, die die Verlegung vornahmen, hatten zunächst ihre Vorbereitungen vor Haus 38 getroffen, die damalige Nummer 38 entspricht aber der heutigen 112 – begannen die Verlegearbeiten der Stolpersteine. Dabei wurde der Ursprung der Aktion erläutert und an das Schicksal der Bewohner erinnert. Unter Einhaltung der Pandemievorgaben hatten sich u. a. die Mitglieder des Arbeitskreises „Stolpersteine“, Mitglieder des Gemeinderats, das Team der Gedenkhalle und der Besitzer des Hauses eingefunden, um den Anlass würdig zu begehen. Dazu trugen auch Kerzen mit den Namen der Opfer und Rosen mit kleinen Spruchbändern bei.

 

Zum Schicksal der Familie Fruchtzweig:

Jakob Fruchtzweig, geboren 1896 in Sosnowice, Polen, kam 1920 über Magdeburg nach Osterfeld. Dort arbeitete er als Bergmann und heiratete 1921 Franziska Cwiertnia, die 1899 in Osterfeld geboren wurde. Die Familie wohnte auf der unteren Rothebuschstraße. 1922 wurde Tochter Maria, 1929 Sohn Benno geboren. 1925 zog die Familie zur oberen Rothebuschstraße und wohnte Ecke Bertholdstraße in dem Haus, das heute einen Friseursalon beherbergt. Dort eröffnete Jakob ein Geschäft für Stoffe und Kurzwaren. Mit Beginn der Herrschaft des Nationalsozialismus wurde die Familie so massiv drangsaliert, dass sie ihr Geschäft aufgeben musste und nach Bottrop in eine vermeintlich sicherere jüdische Umgebung zog. Jakob arbeitete erneut als Händler, seine Tochter Maria verdingte sich als Putzhilfe. 1938, im Zuge der sogenannten „Polenaktion“, wurde die Familie zwangsweise nach Polen ausgewiesen. Sie wohnte danach in Sosnowice, dem Geburtsort des Vaters, vermutlich bei Verwandten.
1943 wurde der Vater ins Zwangsarbeitslager Klettendorf deportiert, die Kinder wurden an einen unbekannten Ort gebracht. Von da an verliert sich jede Spur. Es ist anzunehmen, dass sie alle in einem Vernichtungslager den Tod fanden. Die nichtjüdische Mutter blieb zunächst in Polen und kehrte 1944 nach Osterfeld zurück. Später wohnte sie in Bottrop und starb 1959 im Osterfelder Marienhospital. Sie versuchte verzweifelt, etwas über das Schicksal ihrer Familie herauszufinden, leider vergeblich.

 

Zum Schicksal von Gustav Fruchtzweig:

Gustav Fruchtzweig, möglicherweise ein Bruder Jakob Fruchtzweigs, wohnhaft ebenfalls Rothebuschstraße Ecke Bertholdstraße, hatte in Osterfeld in der Nähe des Bahnübergangs der Bahnlinie Osterfeld-Nord – Dorsten eine Altwarenhandlung und handelte mit Lumpen und Metallen. Mit Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft wurde er so stark drangsaliert und misshandelt, dass er sich zur „Geschäftsaufgabe“ gezwungen sah. Er floh über die Niederlande nach Belgien. Dort half ihm eine jüdische Hilfsorganisation in hoffnungsloser Lage, weiter nach Frankreich zu gelangen. Nach der Besatzung durch deutsche Truppen wurde er 1942 in Toulouse verhaftet und 1943 in ein Arbeitslager nahe Lille gebracht. Kurz nach der Landung der Alliierten 1944 konnte er fliehen und fand Unterschlupf bei einer französischen Familie auf dem Land. Nach dem Krieg lebte er in Paris, wo er 1970 starb.

Galerie: